Zwang und Selbstsicherheit

Ich habe von einer Methode gehört, die in Indien verwandt wurde, um Affen zu fangen. Sie funktioniert folgendermaßen.

Zunächst bohrt man ein Loch in eine Kokussnuss. Durch diese Öffnung höhlt man den Innenraum aus, sodass die Möglichkeit besteht in der Frucht einen Köder für den Affen zu hinterlegen. Dabei kann es sich um ein einfaches Stückchen Kuchen oder eine andere Süßigkeit handeln, die Affen mögen.

Diese entsprechend präperierte Kokosnuss befestigt man nun mit einem Seil an einem Baum oder einem andern festen Gegenstand. Damit ist Falle vorbereitet.

Die neugierigen Affen wittern den Köder und folgen ihrem Trieb. Sie finden die Kokusnuss und lassen ihre Pfote in die Öffnung gleiten. Dort ertasten Sie den Köder und umklammern ihn mit ihren Fingern. Auf diese Art und Weise fangen sie sich selbst, denn die Faust, die sie nun automatisch bilden, erlaubt es Ihnen nicht mehr, die Pfote aus der Kokusnuss zu ziehen. Wenn der Jäger kommt werden Sie zur leichten Beute.

Dabei wäre es so einfach für den Affen sich zu befreien. Alles, was er tun müßte, wäre den begehrten Köder loszulassen. Dann könnte er seine Pfote problemlos aus dem Gefängnis ziehen.

Viele Affen kommen nicht auf diese Idee. Stattdessen zappeln sie wie wild mit der Pfote in der Kokussnuss herum. Sie drehen und wenden sich, schreien und jammern, doch all das führt nicht dazu, dass sie sich wieder befreien können. Es gibt nur einen Weg in die Freiheit: Loslassen.

Ich erzähle diese Geschichte hier, weil sie sich gut als Metapher für den Zustand vieler Menschen eignet, die sich in Angst und Unsicherheit hineinsteigern. Der Hintergrund dieser Belastung ist oft der Anspruch bestimmten Anforderungen von sich oder anderen zu genügen. Wobei es nicht ausreicht, sich zu wünschen, dass man eine gute Leistung erbringt oder einen positiven Eindruck hinterlässt. Die Forderung erhält schnell einen absoluten Charakter. Der Ängstliche redet sich ein, dass er eine bestimmte berufliche Anerkennung bekommen MUSS, dass sein Partner Zungeigung in bestimmter Form zeigen MUSS oder schließlich, dass er angsfrei und selbstbewusst agieren MUSS.

Das MUSS in seiner vielfältigen Ausgestaltung ist die Kokosnuss des Unsicheren. Er begibt sich freiwillig in die Falle, aus der es keinen Ausweg gibt, solange der absolute Anspruch aufrecht erhalten wird. Der unbedingte Wille und die hohen Anstrengungen, die investiert werden, erschöpfen nur und führen zu psychosomatischen Beschwerden und Burn-Out.

Dabei handelt es sich wie gesagt um eine frei gewählte Alternativlosigkeit, die diese Enge hervorruft. Ethymologisch betrachtet bedeutet Angst ja Enge und Eingesperrtsein. Der Unsichere manövriert sich durch sein Denken in eine Situation ohnen Ausweg, wenn er verlangt, dass etwas sein MUSS, was – aus welchen Gründen auch immer – eben nicht ist.

Die Lösung und Freiheit kann tatsächlich nur darin bestehen, diesen selbstkonstruierte Zwänge loszulassen und sich über Alternativen Gedanken zu machen. Sobald es gelingt, auf den absoluten Anspruch zu pfeifen und neue Ansätze und Ideen diskutiert werden, erweitert sich der Spielraum und die Angst verschwindet. Sicherheit und Selbstvertrauen erwachsen aus Freiheit.

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