Positives Vergessen

Das Dilemma mit dem Positiven Denken ist, dass es im ersten Moment Erleichterung bringt, langfristig aber eher dazu führt, dass Menschen nicht aktiv werden und somit negative Zustände – bis hin zu Depressionen, Stress, Burn-out – heraufbeschwört..

Natürlich macht es Spaß, sich in der Fantasie auszumalen, wie wunderbar das Leben sein wird, wenn sich alles, wirklich ALLES, zum Positiven wendet. Es kann in schwierigen Lebensphasen sogar nützlich sein, sich einzureden, dass der Wunsch nach Glück genügt, um die erhoffte Veränderung zu bewirken. Eine ganz esoterische Industrie lebt gut von dieser Einbildung. Und manchmal sind es tatsächlich absurde Hoffnungen, die Menschen davon abhalten zu verzweifeln. Die klinische Psychologie kennt Störungsbilder mit extremen Realitätsverzerrungen, die vor allem einen Zweck haben: Die Sicht auf eine höchst schmerzvolle Erfahrung zu verhindern. Eine wirkliche Lösung im Sinne einer dauerhaft befriedigenden Anpassung an die eigenen Lebensumstände gelingt aber nur, wenn man akzeptiert, dass man nicht ALLES haben kann und sich nie ALLES zum Guten wendet. Wahres Glück hat auch etwas mit der Akzeptanz der Unvollkommenheit des Lebens und der eigenen Person zu tun.

Der amerikanische etwas dickliche und mit Haarausfall gesegnete Komiker Loui C.K. bringt es auf den Punkt: Was kann man tun, um den Körper zu haben, den man sich immer gewünscht hat? Wünschen Sie sich einen garstigen Körper.

Alternativ zum Wünschen würde ich noch das Handeln anbieten. In dem Moment, indem man den ersten Schritt hin zu einer Veränderung wagt, fließt einem neue Energie zu. Aktion bindet Gedanken, die sonst in Grübelei enden. Wenn Sie etwas halbwegs anspruchsvolles tun, haben Sie gar keine Ressourcen  mehr, um sich Sorgen zu machen. Sie sind gezwungen sich um das zu kümmern, was gerade geschieht.

Doch es ist oft auch und gerade dieser erste Schritt, der so schwer fällt. Wie heißt es so treffend: Der Anfang ist der wichtigste Teil (Platon). Stimmt! DER ANFANG, nicht der perfekte Anfang, sondern der Anfang an sich. Viele Menschen überlegen sich genau, wie sie vorgehen sollen, um ja nur nicht auf den falschen Weg zu gelangen. Sie reden sich ein, dass alles stimmen muss, von Anfang an. In vielen Fällen ist das falsch. Es gibt immer noch die Möglichkeit zur Korrektur, wenn nicht gleich von Beginn an alles glatt läuft. Woody Allen meinte einmal, was für ein Glück es sei, dass sein Publikum nicht die ersten Rohfassungen seiner Sketche kenne. Komisch und brilliant wird etwas oft erst nach langem aufwendigen Feilen. Der erste Wurf muss nicht der Große sein. Üben sie einfach.

Das gilt übrigens auch für andere Bereiche. Der ersehnte Partner muss einfach allen Idealvorstellungen entsprechen? Aussehen, Hobbies, Alter usw. muss unbedingt dem Traumbild gleichen? Der neue Job soll auf keinen Fall die Gefahr von Stress mit sich bringen? Die Kollegen müssen nett sein, die Aufgabe den eigenen Stärken entsprechen und die Karrierechancen hervorragend sein? Blödsinn. Mit diesem hohen Anspruch machen sich die Menschen dann auf die Suche. Eine Suche, die sehr lange dauern kann und im schimmsten Fall nie zu einem Ergebnis führt.

Plädiere ich an dieser Stelle dafür, dass man sich mit halbherzigen Lösungen zufrieden gibt? Nein und Ja. Tatsächlich zeigt die psychologische Forschung, dass wer sich mit guten Lösungen zufrieden gibt, langfristig viel glücklicher ist als derjenige, der nach dem Perfekten strebt.

Hinzu kommt, dass das Ideal sich in der Realität häufig nicht als makellos erweist. Das Leben ist kein Hollywood-Film. Es geht nach dem Happy-End weiter und ist oft mit Enttäuschungen und unerwarteten Erkenntnissen gepflastert. Die frohe Botschaft: Diese Überraschungen können auch schön sein.

Jeder kennt die Erfahrung, dass er sich trotz eines mulmigen Gefühls auf etwas eingelassen hat, das sich im nachhinein als nützlich und wertvoll erwies. Trotzdem halten viele gerne an der Illusion der Intuition und des emotionalen Hellsehens fest. Sie wünschen sich, dass wenigstens ihr Gefühl perfekt ist, bevor sie den ersten Schritt wagen. Etwas, das selten genug eintreten kann, eben weil die Erwartungen so hoch gesteckt sind.

Empfehlenswert ist folgende Strategie des Positiven Vergessens auch “Brücke der Überwindung ins Glück” genannt.

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Senken Sie Ihre Erwartungen. Machen Sie Erfahrungen. Lernen Sie, was Ihnen wirklich gut tut. Vergessen Sie Ihre Ideale. Genießen Sie den Augenblick und…lassen Sie sich vom Glück überraschen.

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